Wissenschaftsgeschichte
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Claus Spenninger, M.A.

Claus Spenninger, M.A.

Doktorand

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Postanschrift: Historisches Seminar der LMU, Wissenschaftsgeschichte, Geschwister-Scholl-Platz 1, 80539 München
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Arbeitsgruppe

Kollegiat des Internationalen Graduiertenkollegs (IGK) - Religiöse Kulturen im Europa des 19. und 20. Jahrhunderts

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Dissertationsprojekt:


Utopie des Stoffes. Fortschrittsdenken und Religionskritik im naturwissenschaftlichen Materialismus des 19. Jahrhunderts (ca. 1847-1881)

Das Projekt untersucht die im deutschen Raum angestoßenen, transnational geführten Debatten um den „naturwissenschaftlichen Materialismus“. Als dessen zentrale Vertreter gelten der deutsch-schweizerische Zoologe Carl Vogt (1817-1895), der niederländisch-italienische Physiologe Jacob Moleschott (1822-1893) und der deutsche Arzt Ludwig Büchner (1824-1899). Ab Mitte des 19. Jahrhunderts propagierten sie die Idee, dass sich alle Phänomene der Welt, so auch das Leben, auf rein materieller Basis erklären ließen. Im Gegensatz zu vitalistischen und religiösen Deutungen seien die Gesetzmäßigkeiten der Materie die einzige Grundlage einer wissenschaftlich abgesicherten Welterklärung. Die Naturwissenschaft habe gezeigt, dass weder eine immaterielle Seele noch Gott existierten. Zudem verbanden die Materialisten diese Ideen mit antiklerikalen und gesellschaftskritischen Positionen. In Reaktion darauf warnten zahlreiche Politiker, Theologen, Philosophen und Naturwissenschaftler öffentlich vor einem Ausgreifen des Materialismus in der Gesellschaft. In diesen Debatten verbanden sich Wissenschaft, Religion und Politik zu einem Themenkomplex.

Zu ihren Lebzeiten genossen die Materialisten große Aufmerksamkeit. Dennoch ist die bisherige (wissenschafts-)historische Forschung dazu spärlich geblieben. Abseits ideen- und philosophiehistorischer Ansätze fand der Materialismus nur wenig Beachtung. Hier setzt das vorliegende Projekt an, das wissenschafts- und religionshistorische Perspektiven zusammenführt. Konkret fragt das Projekt nach der gesellschaftlichen Rolle und Bedeutung der Materialismusdebatte nach dem Scheitern der Revolution von 1848/49. Ein Fokus liegt dabei nicht zuletzt auf der Sprache, den Kommunikationsstrategien und Wahrnehmungen des naturwissenschaftlichen Materialismus. In Zusammenhang mit dem gesellschaftlichen Anspruch der Akteure fragt das Projekt auch nach den in der Debatte vertretenen Vorstellungen von Wissenschaft und Wissenschaftlichkeit. Das Projekt geht von der These aus, dass die Materialismusdebatte ab den 1850er Jahren als Medium diente, um eine Neubestimmung des Verhältnisses von Wissenschaft, Religion und Gesellschaft zu verhandeln. Vielen erschien eine solche Neubestimmung angesichts der von Umbrüchen geprägten Moderne als Notwendigkeit. Insgesamt sollen bisher gängige Kategorien hinterfragt und die Vielschichtigkeit des Verhältnisses religiöser und säkularer Deutungskulturen im Europa des 19. Jahrhunderts herausgearbeitet werden.