Wissenschaftsgeschichte
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Cora Stuhrmann, M.A.

Cora Stuhrmann, M.A.

Doktorandin

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Raum: K023
Telefon: +49 (0) 89 / 2180-5476

Sprechstunde:
Mittwoch, 14-15 Uhr

Forschungsschwerpunkte

  • Geschichte der Biologie
  • Geschichte der Verhaltens- und Sozialwissenschaften
  • Wissenschaft und Öffentlichkeit
  • Wissenschaft und Aktivismus

Dissertationsprojekt

Von der Wissenschaft in die Öffentlichkeit. Soziobiologie als Disziplin und Debatte, 1971–1985

Als E. O. Wilson im Sommer 1975 Sociobiology: The New Synthesis veröffentlichte, wollte er mehr als eine Forschungssynthese vorlegen: Er beanspruchte die Gründung einer Disziplin, die tierisches und menschliches Sozialverhalten in Zusammenschau auf seine biologischen Grundlagen untersuchen sollte. Was folgte, war eine der lautesten wissenschaftlichen Kontroversen des 20. Jahrhunderts.

Dieses Projekt rekonstruiert die Geschichte der Soziobiologie in den USA von ihrer Entwicklung Anfang der 1970er bis in Mitte der 1980er Jahre – und kommt zu einem überraschenden Befund. Soziobiologie im Sinne der Erforschung tierischen Sozialverhaltens war und ist eine erfolgreiche Wissenschaft. Wilsons eigentliche Vision aber – einer Disziplin, die biologische Erklärungen menschlichen Verhaltens ins Zentrum stellt und damit Sozialwissenschaften und Biologie neu konfiguriert – scheiterte. Die öffentliche Debatte, die sein Buch auslöste, entkoppelte sich dabei rasch von der innerwissenschaftlichen Realität: Soziobiologie wurde zum politisch aufgeladenen Kampfbegriff, bevor sie überhaupt stabile disziplinäre Strukturen ausbilden konnte. Dieses disziplinäre Scheitern der Wilsonschen Soziobiologie war jedoch nicht das Ende der Verbreitung evolutionärer Theorien menschlichen Sozialverhaltens. Es war der Anfang einer vielschichtigen und multi-disziplinären Rezeptionsgeschichte, die ab Mitte der 1980er in der Entstehung des Forschungsfeldes der evolutionären Sozialwissenschaft mündete. Die komplexe und dynamische Debatte rund um Sociobiology war dabei Antrieb und Hemmschuh zugleich.

Die Arbeit verfolgt das disziplinäre Schicksal der Soziobiologie auf mehreren Ebenen gleichzeitig. Soziobiologie wird so zugleich als Disziplin und Debatte zum Untersuchungsgegenstand. So wird zum einen Wilsons Vision einer modernen, evolutionären und zukunftsorientierten Disziplin nachgezeichnet, die Konstruktion von Soziobiologie als Wissenschaft des Altruismus in der Presse analysiert und die Rezeption durch Biologie und Sozialwissenschaften herausgearbeitet. Zum anderen wird Soziobiologie als Zielscheibe des wissenschaftlichen Aktivismus der Science for the People-Bewegung, als Grundlage ihrer Kritik des biologischen Determinismus und als medial inszenierte Kontroverse kontextualisiert.

Zum fünfzigjährigen Publikationsjubiläum des 1975 erschienenen Werkes habe ich für das Journal of the History of Biology die frühe Rezeption und den disziplinären Nachhall von E.O. Wilsons Sociobiology: The New Synthesis reflektiert.
Weiterhin erschien ein von Nayanika Ghosh und mir herausgegebenes Special Issue der Historical Studies in the Natural Sciences, das diverse aktuelle Forschungsperspektiven zu Geschichte und Gegenwart der Soziobiologie vereint.

Aktuell verfasse ich ein Aufsatzmanuskript, das den historischen Kontext der analytischen Kategorie des biologischen Determinismus im Umfeld der Sociobiology Study Group of Science for the People untersucht. Außerdem erforsche ich zusammen mit Zvi Hasnes-Beninson die Rolle von populationsbiologischen Modellen in Sociobiology im Umfeld der theoretischen Entwicklungen der Evolutionsbiologie und Ökologie der 1960er und 1970er Jahre.